Die Wallfahrtskirche Nesselried

  • Von: Karl-Rolf Gissler
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Die Wallfahrtskirche Nesselried

Anlass für den Kirchenbau

Schon im Jahr 1804 stellte der Amtmann des Amtes Staufenberg an die kurfürstliche Kirchenvogtei Offenburg den Antrag zu prüfen, ob man in Nesselried nicht eine eigene Pfarrei errichten könne. Anlass dafür war der Umstand, dass die Bürger aus Obernesselried, Illental und Wiedergrün bisher zum sonntäglichen Gottesdienst nach Durbach mussten. Wohnten sie jedoch in Unternesselried, führte ihr Weg in die Kirche St. Sebastian nach Nußbach, während sieben Häuser zur Pfarrei St. Michael in Appenweier gehörten. Die überlieferte Begründung für den Antrag lautete: „Die Entfernung, 2 Berge, Waldungen, die die Gläubigen hinter sich bringen mussten, und besonders das Horrible des Weges in den nassen und Wintermonaten rechtfertigen den Wunsch nach einer eigenen Kirche vor der ganzen Welt“. 1811 gab es in Nesselried 52 Haushaltungen. Davon gehörten 33 zur Pfarrei Durbach, 13 zur Pfarrei Nußbach und sechs zur Pfarrei Appenweier. Die alte Kapelle war offensichtlich zu klein geworden: „Genau maß das Langhaus der Kapelle 632,2 Quadratfuß und bot Platz für vierzehn Bänke mit je 5 Sitzen, der Chor 17,5 auf 21 Fuß hatte zwei Bänke mit je 6 Plätzen, und die Empore wies sieben Bänke mit je 6 Plätzen auf…

Die neue Kirche

Nach jahrelangen Streitigkeiten konnte schließlich 1874 mit dem Bau einer neuen Kirche begonnen und 1875 der Grundstein gelegt werden. Freiherr von Frankenstein hatte das Gelände für den Bau eines Pfarrhauses zur Verfügung gestellt. Dieses Grundstück befand sich gegenüber dem Platz der alten Kapelle.

Das erzbischöfliche Bauamt hatte festgestellt, dass die alte Kapelle für alle Gläubigen von Unter- und Obernesselried sowie Illental um das Vierfache der bestehenden Größe zu klein sei und weniger als die Hälfte der nötigen Sitzplätze aufweise. So wurde schließlich ein Neubau der Kirche genehmigt.
Die neue Kirche wurde an der gleichen Stelle errichtet, an der die 1630 zum ersten Mal erwähnte Kapelle zu Nesselried („Unserer Lieben Frau Kapell“) stand. Im Protokoll eines Hexenprozesses bekennt ein Angeklagter, er habe sich vier Jahre zuvor mit dem bösen Geist in der Gestalt eines ihm bekannten Mädchens bei der „Kirchweihung“ von Nesselried getroffen. Kirchweihung bedeutet hier nicht der Akt der Kirchengründung, sondern das jährliche Kirchweihfest. Diese Verwendung ist in den Nesselrieder Kirchenrechnungen bis 1776 belegbar.

Die neoromanische Kirche wurde nach den Plänen des Karlsruher Architekten Angelus Weiß zwischen 1874 und 1878 erstellt und nur unter großen finanziellen Mühen der Bevölkerung, aber auch durch Spenden der umliegenden Pfarreien finanziert.

Am 12. Oktober 1878 erfolgte die Einweihung der neuen Kirche durch den Bischof von Leuka Lothar Kübel, der in seiner Funktion als Verweser des Erzbistums Freiburg die Weihe vornahm.

Geschichte der Pfarrei

Nesselried war wohl eine sehr alte Filiale der Nußbacher Pfarrei, wo schon seit deren Gründung 1196 die Prämonstratenser des Klosters Allerheiligen das Patronatsrecht übernommen hatten. 1223 wurde die Nußbacher Pfarrei mit allen Filialen - also auch Nesselried - dem Kloster Allerheiligen einverleibt. In kirchlicher Beziehung gehörte Nesselried wie auch Durbach zur Pfarrei Nußbach. 1666 wurde dann die Aufteilung der Gläubigen nach Nußbach, Durbach und Appenweier vorgenommen.

Den Prämonstratensern von Allerheiligen war schon seit 1333 das Recht zugesprochen, das Fest der „Unbefleckten Empfängnis“ zu feiern, was ansonsten noch umstritten war.

Am 13. März 1892 wurde die Pfarrkuratie errichtet und 1900 schließlich zur selbstständigen Pfarrei „Maria in den Himmel aufgenommen“ erhoben. Kurat und erster Pfarrer der Nesselrieder Pfarrgemeinde war Pfarrer Ernst Fink.

Die Marien-Wallfahrt von Nesselried

Es wird angenommen, dass die Wallfahrt in Nesselried um 1450 vom Kloster Allerheiligen gegründet wurde; dessen Mönche betreuten sie ursprünglich bis ins 17. Jahrhundert. Seit 1666 war Nesselried der Pfarrei Durbach zugeteilt. Die beiden Kapellenneubauten bzw. Renovierungen des 17. und 18. Jahrhunderts lassen auf eine besondere Blütezeit der Wallfahrt in dieser Zeit schließen. Als Beweis hierfür dienen verschiedene ältere Votivtafeln, von denen in der Literatur die Rede ist. Daneben zeugen moderne Tafeln von der Lebendigkeit der Wallfahrt auch im 19. und 20. Jahrhundert. Um 1820 wird berichtet, dass ein Brunnen „wegen der Wallfahrt“ errichtet wurde, der „zur Befriedigung der Wallfahrtslustigen“ dienen sollte.

Die Legende vom singenden Bild

Dazu berichtet der ehemalige Pfarrer von Nesselried, Geistl. Rat Emil Bielmann, 1957:

Die Legende weiß über das Gnadenbild, daß der österreichische Leutnant Josef von Ried das singende Bild in den Nesseln gefunden und 3 mal mit in seine Wohnung genommen habe, … und 3 mal wieder in den Nesseln gefunden habe…

Danach sei es von ihm in die bestehende Kapelle gebracht worden.
Diese weit verbreitete Form der Legende ist wohl einem alten Legendentypus nachempfunden, wie sie auch aus unserer Region bekannt ist. (z. B. in der Wallfahrtskirche „Maria zu den Ketten“ in Zell am Harmersbach).

Nesselried galt von jeher als vielbesuchter Wallfahrtsort; so wird um 1928 von einer jährlichen Pilgerzahl von etwa 2000 Gläubigen berichtet. Marienfeiertage wurden festlich begangen, besonders das Patrozinium am 15. August „Mariä Himmelfahrt“. Heute ist die Wallfahrt allerdings weitgehend zum Erliegen gekommen.

Das Innere der Kirche: Bilder und Skulpturen

Die Nesselrieder Kirche besaß ursprünglich neben dem Hauptaltar noch zwei Seitenaltäre. Diese existierten bis zur Liturgiereform nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (und einer danach durchgeführten Kirchenrenovierung).

Das Gnadenbild

Besondere Verehrung erfährt bis in die heutige Zeit das Gnadenbild „Maria von der immerwährenden Hilfe“, das Bestandteil des ursprünglichen Gnadenaltars (s. Foto) war. Die Holzstatue, die die gekrönte Gottesmutter mit dem segnenden Jesuskind - ebenfalls mit Krone - zeigt, entstand nach fachmännischer Schätzung wohl Ende des 15. Jahrhunderts. Das Jesuskind wurde um 1500 geschnitzt. Maria sitzt auf dem mit Löwenfüßen verzierten Herrscherthron. Sie trägt wie das Kind auch heute noch verschiedene, während des Kirchenjahres wechselnde Gewänder, die von Nesselrieder Familien gestiftet wurden.

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Gnadenbild

Die Altarbilder

Das ursprünglich in den vergoldeten Altar eingelassene Gnadenbild war von den Bildern eines Hans-Baldung-Grien-Schülers umgeben, der diese um 1520 vermutlich für den Flügelaltar der Kapelle auf Erlenholz gemalt hatte.

Umrahmt war das Gnadenbild „Maria von der immerwährenden Hilfe“ von drei Bildern des
Altars: Links der Erzengel Gabriel, der Maria die Botschaft Gottes zur Annahme der Gottesmutterschaft verkündet. Rechts erwartet die Gottesmutter, dem Engel zugewandt, dessen Botschaft. Auf der Rückseite der beiden ursprünglich drehbaren Altarflügel sind die zwei Märtyrerinnen St. Barbara - die Sterbepatronin mit Kelch und Turm - sowie die Stadtpatronin von Offenburg, St. Ursula, mit den Pfeilen dargestellt. Heute weisen die beiden Flügelbilder lediglich auf das Thema „Mariä Verkündigung“ hin: links der Erzengel Gabriel und rechts die Jungfrau Maria.

Die Nesselrieder „Heilige Sippe“

Unterhalb der beiden Altarflügel befindet sich die Darstellung der „Heiligen Sippe“. Dieses Bild diente ursprünglich wohl als Predella unter den Skulpturen der Hl. Katharina und der Maria Magdalena. Es zeigt die heilige Mutter Anna, wie sie dem Jesuskind, das auf dem Schoß von Maria sitzt, einen Apfel reicht. Die Darstellung mit der hl. Anna war auch im theologischen Sinne von Bedeutung: Sie hatte als Mutter die immerwährende Jungfräulichkeit Mariens zu verteidigen. Außerdem „sind auch zugegen die drei Ehemänner Annas, deren Töchter, Schwiegersöhne und Enkelkinder, entsprechend einer Legende des 9. Jahrhunderts…“ (Jeanne Peipers). Damit sollte wahrscheinlich die Existenz der Brüder Jesu glaubhaft gemacht werden. Das Nesselrieder Bild verdeutlicht Mariens unbefleckte Empfängnis und ihre allzeit währende Jungfräulichkeit. Darauf verweist auch schon ein Visitationsbericht vom 17.9.1666, in dem die Kirche als „sacra divinae Virginis“ bezeichnet wird.

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Heilige Sippe

Weitere bemerkenswerte Kunstwerke sind die beiden Johannes-Skulpturen in Lebensgröße - ursprünglich am Hochaltar aufgestellt und nach der letzten Renovierung 1997 auf die Empore „verbannt“: Johannes der Täufer und Johannes der Evangelist, die um das Jahr 1734 geschaffen wurden. Des Weiteren sind die Figuren von St. Wendelin über dem rechten und St. Sebastian über dem linken Seiteneingang zu erwähnen. Sie weisen auf die ehemalige Verbindung zur Pfarrei Nußbach hin, zu der ein Teil Nesselrieds gehörte. Kreuzpartikel und Reliquien von St. Heinrich und St. Kunigunde erinnerten an Durbachs Pfarrei St. Heinrich, die einst den größten Teil der Nesselrieder Gläubigen betreute.

Renovierungen

Das Innere der Kirche erfuhr mehr oder weniger gravierende Veränderungen. Um 1750 wurde die ursprüngliche Kirche im Rahmen einer Renovierung durchgehend im barocken Stil umgestaltet.

Die erste grundlegende Veränderung des 20. Jahrhunderts erfolgte in den Jahren 1933-37: Die Altäre erhielten vergoldete Stuckrahmen, Wände und Decke wurden ausgemalt.

Als Dank für die wunderbare Rettung des Dorfes in den letzten Kriegstagen ließ die Gemeinde nach 1945 durch den Offenburger Glasmaler Karl Vollmer ein Kirchenfenster anfertigen, das Maria schützend über dem Dorf schwebend zeigt. Es erinnert daran, dass die Gemeinde Nesselried im II. Weltkrieg nur von einer einzigen Granate getroffen wurde. Dabei wurden die Fenster an der Westfront der Kirche zerstört. Die gesamte Pfarrgemeinde spendete für das neue Fenster, das folgende Inschrift trägt: „Maria schützte wunderbar unser Dorf in großer Kriegsgefahr 24. 2. 1945“.

Nach dem II. Vatikanischen Konzil erfuhr die Nesselrieder Kirche die nachhaltigste Änderung: Die Neben-Altäre wurden entfernt, die Kanzel herausgenommen und die Bilder an Decke und Wänden übermalt.

Das Gnadenbild steht nach der letzten Renovierung 1997 an der Stelle des linken Seitenaltars auf einer modernen Stele. Parallel dazu sind auf der rechten Seite des Gotteshauses die beiden Altarflügel mit den Heiligendarstellungen sowie die Nesselrieder „Heilige Sippe“ aufgestellt.

Literatur
Bielmann, Emil, in: Geschichte der Wallfahrt in Nesselried, Festschrift, Offenburg 1957
Bielmann, Emil, in: St. Konradsblatt Nr. 41 (19. Jahrg.), Karlsruhe, 13.10.1935, S. 844 f.
Brommer, Hermann (Hrsg.): Wallfahrten im Erzbistum Freiburg, München; Zürich 1990
Heitzmann, Ludwig: Wallfahrtsorte in der ehemaligen Ortenau, 1921
Kauß, Dieter: Die mittelalterliche Pfarrorganisation in der Ortenau, Bühl 1970
Krieger, Albert: Topographisches Wörterbuch des Großherzogtums Baden, 2 Bände, 1904/05
Maier, Karl: Rede zum 100. Jahrestag der Grundsteinlegung der Wallfahrtskirche „Maria Himmelfahrt“ in Nesselried, 1975
Magazin der Seelsorgeeinheit „Hand in Hand“, Appenweier, 2008, S. 113 f.
Peipers, Jeanne: Die Nesselrieder Heilige Sippe - Ein Werk des Meisters des Lautenbacher Hochaltars. In: Die Ortenau 71 (1991), S. 414 - 435
Reinfried, Karl: Visitationsberichte aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts über die Pfarreien des Landkapitels Offenburg, in: FDA 30/1902
Schreiber, Christian (Hrsg.): Wallfahrten durchs deutsche Land, Berlin 1928, S. 140
Welser, Benedikt: Von Gnadenort zu Gnadenort in Baden-Württemberg, Ehingen 1956, S. 111 f. Wingenroth, Max: Die Kunstdenkmäler des Kreises Offenburg, Tübingen 1908

Autor: Karl-Rolf Gissler

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