St. Michael Appenweier

  • Von: Karl Maier

Die früheste Urkunde, die den Ortsnamen Appenweiers („Abbunvileri“) nennt, informiert auch über die religiösen Verhältnisse im Dorf. 884 bestätigt Kaiser Karl III. dem Kloster Hönau, das auf einer Insel im Rhein stand, Eigentum in unserem Ort. Daraus schloss man, dass die Mönche von dort aus unseren Vorfahren das Christentum gebracht und ihnen eine Kirche gebaut hatten. Zum Schutzheiligen wählten sie - wie damals üblich - ihren eigenen himmlischen Patron, den Erzengel Michael. Belegt wird das Patrozinium allerdings erst durch eine Ortsbeschreibung von 1490 und ein Siegel des Landgerichtes Appenweier, das den Erzengel als Ritter zeigt, aus derselben Zeit.

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Kirche St. Michael Appenweier - eine Rokokokirche auf mittelalterlichen Grundmauern

Eine parallele Entwicklung vermutet man für Urloffen, wo die erst im 18. Jahrhundert abgegangene Kapelle St. Brigida von Honau gegründet worden sein soll.
Obwohl es keine weiteren Quellen mehr gibt, die auf eine Verbindung zwischen der Rheininsel und Appenweier hinweisen, können wir davon ausgehen, dass unser St. Michael, wie dargestellt, als klösterliche Eigenkirche während der Karolingerzeit entstanden ist. Als wichtiges Merkmal dieser Kirchenform begleitet uns durch einige Jahrhunderte das sog. Patronatsrecht, das dem Gründer weitgehenden Einfluss auf das Gotteshaus einräumte, das er einmal geschaffen hatte; er konnte alle Einkünfte für sich verlangen, die Person des Pfarrers vorschlagen und u.U. auswählen. Dieses Recht konnte der Inhaber vererben, verpfänden oder veräußern.

Wann sich das Kloster Honau oder seine Nachfolger von Appenweier trennten, wissen wir nicht. Irgendwann müssen sie das Kirchenprivileg an einen Ortenauer Grundherrn abgegeben haben, denn um 1330 - wie die spärlichen Unterlagen berichten - verkaufen zwei Brüder, Ritter aus der Familie Rodeck, das Patronat, das nun an einen Hof gebunden ist, dem Advokaten und Gerichtsvogt Andreas von Achern. Nach dessen Tod schenkt seine Witwe Gisela von Hofweier mit dem Hof in Appenweier auch die Verfügungsgewalt über die Kirche dem Kloster Allerheiligen zu ihrem eigenen Seelenheil, sowie dem ihres Mannes und ihrer Vorfahren. Über 400 Jahre lang gehörte nun die Pfarrei St. Michael den Prämonstratensern aus dem Schwarzwald, die auch, wie es zu den Grundaufgaben ihres Ordens gehörte, die Seelsorge übernahmen.
Zwei Bewegungen, die von außen über die Grenzen des Dorfes hereinschwappen, bringen, wenn auch nur für kurze Zeit, die überkommene Kirchenordnung ins Wanken: der Bauernkrieg und die Reformation. 1525 fordern die Einwohner von Appenweier wie anderswo eine stärkere Mitbestimmung bei der Wahl des örtlichen Seelsorgers und 1528 führte der Mitpfandherr der Ortenau Wilhelm von Fürstenberg die neue Lehre für zwanzig Jahre auch in unserem Orte ein.

Von dem mittelalterlichen Kirchengebäude wissen wir wenig. Eine Kriegskarte von 1690 zeigt eine einfache Kapelle, ein niedriges wohl nur einstöckiges Langhaus mit zwei Fenster- chen, den Turm krönt ein hoher gotischer Helm, dessen Fuß vier kleine Türmchen zieren. Anders als auf der Karte stand der Turm in Wirklichkeit an der Südseite des Chores wie heute. Schon 1605 gab es in der Kapelle drei Altäre, einer davon, ein Flügelaltar, war „ Unserer Lieben Frau“ gewidmet. Nach einem Visitationsbericht von 1692 fand man die alte Kirche vom Krieg so zerstört vor, dass man keinen Platz mehr entdecken konnte, um die heiligen Geräte aufzubewahren.
Erst dreißig Jahre später renovierte man das Gotteshaus innen und außen. Die Wände erhielten ein z. T. barockisiertes Dekor, drei neue Altäre wurden aufgestellt, darunter ist einer dem Schutzpatron geweiht, ein anderer der Mutter Gottes, vielleicht mit dem überkommenen Relief „St. Anna Selbdritt“.
Warum man sich in Appenweier mit dieser Maßnahme nicht zufrieden gab, kann hier nicht dargelegt werden.

Jedenfalls errichtete man 1748 - 1752 auf dem Platz der alten Kapelle einen völlig neuen Bau. Schönheit und Bedeutung sind immer wieder gewürdigt worden. Wir können uns mit Hinweisen begnügen. Der Vogt des Landgerichtes Appenweier Simon Bruder warb, auch durch seine guten Beziehungen zum Rastatter Hof begünstigt, eine Gruppe aus den besten badischen Künstlern und Handwerkern für sein Projekt an. Franz Ignaz Krohmer, Schüler des bekannten Balthasar Neumanns, zeichnete den Plan, und Johannes Ellmenreich, der ebenfalls bei einem berühmten Meister gelernt hatte, führte ihn aus. Sie kappten einen Teil des Turmes und des Chores, erhöhten dann die Mauern und schlossen die beiden Teile mit einer neuen Gewölbedecke bzw. einem Zwiebeldach ab. Das Langhaus wurde völlig abgerissen und in zwei bis dreifacher Höhe der alten Kapellenwände hochgezogen. Eine wuchtige, das Langhaus überragende Fassade beschloss die Kirche nach Westen. Reich gegliedert durch Fenster, Gesimse und zwei kleine Obeliske bot sie dem schön gewandeten Haupttor Platz. Die Nische oben im Giebel wurde erst 1997 mit einer Statue Michaels als Seelenführer gefüllt.

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Innenraum und Altar der Kirche St. Michael Appenweier

Hohe Fenster brachten viel Licht in den Innenraum und ließen den vielgestaltigen Stuck in Weiß und Gold prächtig strahlen, den Johannes Schütz, durch seine Arbeiten am Rastatter Schloss wohlbekannt, meisterhaft angebracht hatte. Das liturgische Programm, das der malerischen Gestaltung zugrunde lag, erwuchs aus der Theologie der Prämonstratenser und rückt drei Glaubensgrundsätze vor die Augen der Gläubigen, Zunächst die Verehrung des Altarsakramentes, die einen großen Teil des Chores bestimmt: der Heilige Norbert mit der Monstranz, die seltene Apostelkommunion und der Pelikan auf dem Tabernakel, sodann der Lobpreis der Maria, in einer Immaculata des linken Seitenaltars, den Marianischen Symbolen der Embleme in den Stichkappen und dem großen Deckengemälde des Kirchenschiffes, und als drittes die Verkündigung des Glaubens, auf welche die Bildnisse der Evangelisten des Moses und Davids hinweisen. Dem himmlischen Schutzpatron wird dagegen nur das Hochaltarblatt mit dem Engelssturz gewidmet.
Den weitaus größten Teil der Arbeit leistete der sehr erfahrene Benedikt Gambs, dem auch das Lob der Nachwelt gehört. Das Hochaltarblatt lieferte der in der Region vielbeschäftige Johannes Pfunner und die Nebenaltäre schuf Heinrich Lihl, ein Lieblingsmaler des Markgrafen.
Als der Bau 1752 vollendet war, besaßen die Einwohner von Appenweier ein ausgesprochen modernes Gotteshaus. Exemplarisch im gültigen Stil der Jahrhundertmitte errichtet, doku-mentierte es in ihren Darstellungen eine ganze Reihe von wichtigen Sachverhalten und Ge-gebenheiten der damaligen Gegenwart: Der Pfandherr der Ortenau, der Markgraf von Baden, demonstriert unübersehbar im Scheitel des Triumphbogens mit seinem Allianzwappen die Herrschaft von Gottes Gnaden. Auf der Apostelkommunion erinnert die Betonung der Hostie gegenüber Kelch und Wein an die auslaufende Gegenreformation (Schmitt-Köppler). Von der blühenden Volksfrömmigkeit jener Zeit künden die beiden überlebensgroßen Figuren des Pestheiligen Sebastian und des Patrons der Tiere St. Wendelin auf dem Hochaltar. Prozessionen innerhalb der Gemarkung und Wallfahrten zu den Heiligtümern der beiden im Renchtal waren sehr beliebt. Dazu gehört auch der 1729 heilig gesprochene Johannes Ne-pomuk aus den Stammlanden der noch unvergessenen Markgräfin Sibylla. Im Ort gab es eine nach ihm benannte Brücke, zu der man an seinem Fest von der Kirche aus mit Kreuz und Fahne zog.
In einem ganz anderen Sinn modern stellt sich dar, was die Schrifttafel außen über dem Hauptportal dem Besucher mitteilt: „Anno 1750 hat die Gemeinde Appenweier diese Kirche… unter der Direktion Simon Bruders des Vögten erbauen lassen.“ Nicht der Patronatsherr bestimmt in diesem Fall über die Maßnahme, sondern die bürgerliche Gemeinde als Bauherr und der Vogt als Bauleiter. Obwohl vom Gesetzgeber nichts geändert wurde, beginnt sich das alte Privileg aufzulösen. Den letzten Schritt aus dem Mittelalter heraus wird ein halbes Jahrhundert später die Weltgeschichte tun: 1803 nimmt die Säkularisation den Prä-monstratensern Besitz und alle Rechte, auch das Patronat über Appenweier. Der letzte Chorherr aus Allerheiligen, der St. Michael betreute, blieb als Weltgeistlicher in der Gemeinde und vertrat, trotz seiner klösterlichen Laufbahn neue Vorstellungen in der Seelsorge. Zeitgenossen schätzten seine fortschrittliche Religionspädagogik und insbesondere seine kollegiale Zusammenarbeit mit dem evangelischen Dekan und Pfarrer Koch von Marlen.

Das Erscheinungsbild des Gotteshauses von 1748/52 bleibt Aufgabe und Maßstab für den Kirchenbau der nächsten Jahrhunderte. Die empfindliche Oberfläche des Innenraumes er-forderte eine Sanierung von jeder Generation. Im zwanzigsten Jahrhundert hat man dreimal grundlegend und aufwändig restauriert. Da die alten Sorgepflichtigen Patronats- bzw.Zehntherren abgesetzt wurden, lag die Verantwortung zunächst bei der politischen Gemeinde und dann immer mehr bei den katholischen Einwohnern. Heute geben die Kommunen höchstens noch einen Zuschuss wie zu jedem Vereinslokal. Deshalb werden finanzielle Mög-lichkeiten, künstlerische Phantasie und Werktreue immer wieder aufs neue zu einem Ansporn, eine gemeinsame gottgefällige Leistung zu erbringen.

Literatur
Burg, Andre Marcel: Kloster Honau. Ein geschichtlicher Überblick, in: Müller, Wolfgang (Hrsg.), Die Klöster der Ortenau, in Die Ortenau 58/1978.
Ginter, Hermann: Die Pfarrkirche in Appenweier, in: In und um Offenburg, hrsg. von Ernst Batzer, Offenburg 1920.
Kauß, Dieter: Die mittelalterliche Pfarrorganisation in der Ortenau, Bühl 1970 .
Krieger Albert: Topographisches Wörterbuch des Großherzogtums Baden, 2 Bde. 1904/1905. Kuner, Peter, Maier, Karl: Pfarrkirche St. Michael Appenweier, kleiner Kunstführer 2002.
Maier Karl: Zur Geschichte unseres Gotteshauses, in: 700 Jahre St.Michael Appenweier, Hrsgb. Pfarrgemeinde Appenweier, 1987.
Reinfried, Karl: Visitationsberichte aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts über die Pfarreien des Landkapitels Offenburg, in: FDA 30/1902.
Ruppert, Philip: Kurze Geschichte der Stadt Achern, Achern 1880. Reprint 1991.
Schmitt-Köppler: August, St. Michael in Appenweier, Studien zum Programm der Michaelskirchen in Süddeutschland (1700-1800). Magisterarbeit der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg i.Br. 2008 Schnell, Hugo, Schäfer,Wilhelm: Kunstführer St. Michael Appenweier 2./1973.
Weiß, Wilhelm: Geschichte des Dekanates und der Dekane des Rural - oder Landkapitels Offenburg, 3.Heft, Offenburg 1893.
Wingenroth, Max: Die Kunstdenkmäler des Kreises Offenburg, Tübingen 1908.

Autor: Karl Maier